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RKI-Chef: „Hunderte werden sterben – denen kann keiner mehr helfen“

todayNovember 18, 2021 7

Hintergrund
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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) war Gastgeber einer Videoschalte. RKI-Chef Lothar Wieler ließ dabei seinem Ärger über die Corona-Politik der Bundesregierung freien Lauf.

Offen, ehrlich, schonungslos – so lässt sich zusammenfassen, wie Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, bei einer Online-Diskussion mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit der Corona-Politik der Bundesregierung abgerechnet hat.

Wieler sitzt nahezu jede Woche mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Bundespressekonferenz – nüchtern und sachlich. Am Mittwochabend war er in der dreistündigen Videoschalte aber ganz anders. In einer Brandrede zeigte er auf, wie schlimm die Lage in Deutschland im Moment wirklich ist – und wie frustriert er von der Corona-Politik der Bundesregierung ist.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer hatte Experten zu einer Diskussion eingeladen. Wieler startete mit einer gut zwanzigminütigen Präsentation, in der er die momentane Lage in Deutschland skizzierte.

RKI-Chef: Wahrscheinlich dreimal mehr Menschen mit Corona infiziert

Jeden Tag werden mehr Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Wieler geht davon aus, dass viel mehr Menschen infiziert sind, als offiziell bekannt: „Die Untererfassung der wahren Zahlen verstärkt sich.“ Hinter den mehr als 50.000 Infektionen pro Tag im Moment „verbergen sich mindestens noch einmal doppelt oder dreimal so viele“, vermutet der RKI-Chef.

Wieler: Hunderte Menschen werden sterben

Hinter den nüchternen Zahlen steckt aber eine schonungslose Realität: Die Sterblichkeit liege im Moment bei 0,8 Prozent. Im Klartext: „Von diesen 50.000 Infizierten werden 400 sterben. Denen kann kein Mensch mehr helfen“, sagte Wieler eindringlich.

Die Lage in den Krankenhäusern werde noch viel schlimmer: „Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt“, sagte Wieler. Weil es immer mehr schwerkranke Covid-Patienten gebe, müssten zum Beispiel Menschen mit einem Schlaganfall bis zu zwei Stunden auf ein Intensivbett warten. „Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend.“ Und das werde noch zunehmen.

Wieler: „Die Prognosen sind superdüster“

Sie sehen, die Prognosen sind superdüster. Sie sind richtig düster“, sagte Wieler weiter. „Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler.

Wieler ist der Frust über die seichte Corona-Politik der Bundesregierung deutlich anzumerken. Das RKI habe früh Empfehlungen gegeben und davor gewarnt, dass die vierte Welle schlimmer werden könnte als alle Wellen davor, wenn keine „bevölkerungsbezogenen Maßnahmen“ ergriffen würden und die Impfquote nicht deutlich steige. Und so sei es jetzt auch gekommen.

Wir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern“, sagte Wieler vorher. Er warf der Politik schwere Fehler und Versäumnisse vor. Für ihn gibt es drei Gründe, warum wir trotz der vielen Geimpften so hohe Infektionszahlen haben.

RKI-Chef kritisiert zu schnelle Öffnungen

Clubs und Bars sind Hotspots – aus meiner Sicht müssen die geschlossen werden.“ Großveranstaltungen müssten abgesagt werden. In der Bevölkerung gebe es viel zu viele Kontakte, dabei wisse man schon aus der ersten Corona-Welle, dass Kontakteinschränkungen wirksam seien.

Wir haben zu schnell in zu vielen Bereichen geöffnet.

Wieler pocht auf 2G-Regeln gegen die Pandemie

Der RKI-Chef pocht darauf, dass auch die 2G-Regeln konsequent durchgesetzt werden: „Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen“, sagte er.

Wieler schlug vor, dass auch Apotheken impfen dürfen sollten: „Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen.“ Wie seien in einer Notlage: „Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.

Hausärzteverband BW kritisiert Wieler-Vorschlag

Der Hausärzteverband Baden-Württemberg hat für diesen Vorschlag wenig Sympathien. Die Risiken seien zu groß, sagte der zweite Vorsitzende Frank-Dieter Braun. Der Plan sei nicht sinnvoll. Wichtig sei, dass Ärzte die Impfung begleiteten: „Krankenhäuser, Betriebsärzte, Ärzte, alle die impfen können, sollen impfen. Man muss es dann aber auch einfach machen – man muss nicht so einen Aufklärungs-Klamauk drumherum machen. Bei der Tetanus-Spritze fragt auch keiner vorher nach einer Unterschrift“, sagte Braun. Mit einer solchen Vereinfachung könnten die Impfungen deutlich beschleunigt werden.

Wieler fordert Politik zum Handeln auf

Wieler forderte die Politik dazu auf, endlich zu handeln. „Wir müssen nicht ständig etwas Neues erfinden. Alle diese Konzepte und Rezepte sind vorhanden“, sagte er. „Das ist ’ne klare Sprache, aber ich kann nach 21 Monaten es auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen.

Geschrieben von: Manuel

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